Der grosse Nussbaum – ein Stück Frieden in Thalwil
Wer durch die Siedlung in Thalwil geht, kann den grossen Nussbaum nicht übersehen. gross und standhaft steht er da in seiner vollen Pracht und Präsenz. «Der Nussbaum ist heute über 70 Jahre alt. Gepflanzt hat ihn damals der Vater von Verena Vonlanthen, unsere über 90 Jahre alte Bewohnerin und gute Seele unserer Siedlung», sagt Christian Hürzeler, Siedlungsobmann von Thalwil.
Unter seinen dichten Ästen und Blättern liegt der gemeinsam genutzte Sitzplatz der Siedlung, so etwas wie das Herzstück des Zusammenlebens hier. «Hier finden unsere Grillfeste statt, hier feiern wir jedes Jahr das Siedlungsfest und immer mal wieder auch ganz spontane und unkomplizierte Treffen», erzählt Christian Hürzeler. «Kinder toben sich unter dem Baum aus, am Ping-Pong-Tisch daneben wird gespielt und einzelne Familien nutzen den Platz regelmässig für Geburtstage oder sonstige kleinere Feste.» Und dann gibt es diese Momente, die fast nebenbei entstehen und trotzdem bleiben. «Am letzten Neujahr haben wir hier draussen gemeinsam aufs neue Jahr angestossen», sagt er. «Die Idee habe ich aus einem Austausch mit anderen Genossenschafterinnen und Genossenschaftern am BGS-Nachbarschaftsworkshop im letzten November mitgenommen. Wir hatten heisse Maroni, etwas zu trinken und einfach eine gute Zeit zusammen.»
«Wenn es auf der Welt so zu und hergehen würde wie in unseren zwei Häusern hier, hätten wir keinen Krieg auf der Welt»
Verena Vonlanthen
«Als wir 1951 hierhergezogen sind, war alles noch ganz anders», erzählt Verena Vonlanthen. «Es war alles neu, kein Baum, keine Pflanzen, nichts. Ich war damals 16 Jahre alt.» Ein Stück weiter oben hatte ihre Familie einen Schrebergarten. «Dort stand ein Nussbaum neben unserem Gemüsebeet. Und plötzlich hat mein Vater gesehen, dass in unserem Beet ein weiterer kleiner Nussbaum wächst.» Ihr Vater, Zimmermann und mit einem guten Gespür für die Natur, liess ihn wachsen. «Er wurde ziemlich schnell grösser, bald war er etwa drei Meter hoch. Und dann haben wir ihn, in Absprache mit der Genossenschaft, hier in die Siedlung gezügelt, direkt neben den Sitzplatz.» Heute ist aus dem kleinen Baum ein prächtiger Riese geworden. «Jetzt ist er ein wunderbarer Schattenspender und so hoch wie unser Haus», sagt Verena Vonlanthen.
Dass der Baum genau auf der Grenze zum Nachbarsgrundstück steht, ist dabei nie zum Problem geworden. «Nebenan ist ein Wohnheim mit betreutem Wohnen», sagt Christian Hürzeler. «Ich denke, sie freuen sich alle daran.» Und er ergänzt: «Wenn hier Einfamilienhäuser stehen würden, hätte es vermutlich längst Diskussionen gegeben, weil der Baum halt effektiv grad auf der Grenze der beiden Grundstücke steht.»
Einmal wurde der Baum sogar von einem Spezialisten untersucht. «Er ist so schnell gewachsen, dass ein Baumdoktor gekommen ist», erzählt Verena Vonlanthen. «Dann haben Fachleute ihn etwas zurückgeschnitten.» Für sie ist aber klar: «Ich bin mir sicher, dass es ihm einfach gut gefällt bei uns und er darum so schön wächst.»
Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie nicht nur den Baum. «Ich habe überhaupt Glück mit der Natur hier. Wenn ich rausschaue, sehe ich Blumen in aller Pracht – Osterglocken, Hyazinthen, Tulpen in Violett, Gelb, Rosarot und Weiss. Es ist ein richtiges Paradies.» Dass diese Natur auch in Zukunft ihren Platz hat, ist kein Zufall. «Wir haben ein Biodiversitätsprojekt umgesetzt», erzählt Christian Hürzeler. «Drei grössere Bäume wurden gepflanzt, dazu verschiedene Büsche und Hecken. Die Initiative kam direkt aus der Siedlung, eine Arbeitsgruppe hat ein Konzept erarbeitet, wir haben es dem Vorstand vorgestellt und gemeinsam mit einer Fachperson umgesetzt.» Für ihn steckt mehr dahinter als nur neue Pflanzen. «Es hat auch ein Bewusstsein geschaffen», sagt er. «Dass ein Baum eben nicht nur ein Goalpfosten beim Fussball ist, sondern Lebensraum für Tiere, Schattenspender und Energiequelle.»
Und vielleicht ist genau das die schönste Vorstellung: dass in weiteren 70 Jahren die Bewohnerinnen und Bewohner in der Zukunft unter einem dieser neuen Bäume sitzen, zurückblicken und sagen, wie gut und friedlich es sich hier anfühlt.